Warum Fleischesser gereizt auf Veganer reagieren

Du bestellst das vegane Gericht und plötzlich werden deine Kollegen zu Experten in Sachen Protein, Vitaminen und Evolutionsbiologie. Ist dir sowas ähnliches schonmal passiert? In diesem Artikel erklären wir, woher dieses merkwürdige Verhalten von Fleischessern kommen könnte.


19. November 2021


Ist es dir auch schonmal passiert, dass du beiläufig deine vegane Ernährungsweise erwähnt hast, und auf einmal interessieren sich Nicht-Veganer für deine Proteine oder fangen ungefragt an sich für ihren Fleischkonsum zu rechtfertigen? Eine wahrscheinliche Erklärung für dieses Verhalten ist sogenannte kognitive Dissonanz.

Was ist kognitive Dissonanz?

Sicher kennst du das schlechte Gefühl, wenn du zum Beispiel gerade im Billigflieger zum Urlaubsziel sitzt, obwohl dir eigentlich die Umwelt sehr am Herzen liegt. Genau das ist kognitive Dissonanz. Als Kognition bezeichnet man grob gesagt jede Information und Werthaltung, die wir im Bezug auf unsere Umwelt für wahr halten. Kognitive Dissonanz beschreibt das negative Gefühl das entsteht, wenn zeitgleich mehrere Kognitionen im Widerspruch zueinander stehen. Auf der einen Seite weißt du, dass Fliegen schlecht für deine Umwelt ist, auf der anderen Seite sitzt du gerade für dein Vergnügen in einem Flugzeug. Ähnlich geht es auch Menschen, die auf der einen Seite ihre Haustiere lieben und die grausamen Bedingungen der Massentierhaltung kennen, auf der anderen Seite aber gerade ein Kilo Hackfleisch im Discounter gekauft haben.

Wenn du schon einmal in einer Situation warst, in der dein Verhalten im Widerspruch zu deinen Überzeugungen oder deinem besseren Wissen stand, dann wirst du sicherlich auch schon unbewusst einige Strategien genutzt haben, um das negative Gefühl der kognitiven Dissonanz aufzulösen.

Kognitive Dissonanz auflösen

Um das unangenehme Gefühl loszuwerden, gibt es verschiedene Strategien, die wir (meist unbewusst) anwenden. Die Grenzen zwischen diesen Herangehensweisen sind teilweise fließend und oft werden mehrere gleichzeitig angewendet.

  1. Lösen des eigentlichen Problems. In unserem Beispiel würde man also erkennen, dass es viele gute Gründe gegen den Konsum von Tierprodukten gibt und auf eine vegane Ernährung umsteigen. Die meisten vegan lebenden Menschen sind nicht vegan aufgewachsen und haben früher oder später in ihrem Leben genau diesen Prozess durchlaufen. Diese Strategie ist oft am schwersten umzusetzen, da jahrelang antrainiertes Verhalten geändert werden muss und man eingesteht, lange Zeit entgegen des besseren Wissens gehandelt zu haben.
  2. Aufgeben oder herabstufen der Einstellungen auf ein erträglicheres Maß. Viele Leute, die Tierprodukte essen, versuchen zum Beispiel nur noch selten Fleisch zu essen oder direkt vom Bio-Bauernhof oder Jäger zu kaufen. So wird das schlechte Gewissen ein wenig gemindert, weil die Tiere angeblich zumindest ein glückliches Leben hatten, bevor sie getötet wurden. Ob das am Ende tatsächlich der Fall ist, sei einmal dahingestellt.
  3. Das Verhalten als alternativlos oder weniger schlimm darstellen. An dieser Stelle kommen dann Argumente wie "Was kann eine Veganerin überhaupt essen" und "Irgendwo musst du doch Proteine herbekommen" ins Spiel. Es ist nämlich viel einfacher, sich als eine Art Opfer zu sehen, das keine andere Wahl hat, als sein antrainiertes Verhalten zu ändern und einzugestehen, dass man entgegen seiner Überzeugungen ode rseines besseren Wissens gehandelt hat.
  4. Selektive Nutzung von Informationen. Bei dieser Strategie werden die Argumente so gewählt, dass sie das eigene Verhalten rechtfertigen. Zum Beispiel wird argumentiert, dass einem zu viel Zusatzstoffe in der veganen Wurst wären oder dass man bei veganer Ernährung Vitamin B12 künstlich supplementieren müsste. Grundsätzlich ist dieser Einwand wohl auch nicht verkehrt, allerdings wird dabei ausgeblendet, dass auch in der Tierhaltung heutzutage Vitamin B12 zugefüttert wird, weil die wenigsten Tiere heutzutage auf der Weide stehen, wo die natürliche Quelle für Vitamin B12 zu finden ist.
  5. Erregung auf andere Ursachen schieben. Man verspürt ein Unwohlsein, und sucht die Gründe dafür nicht bei sich, sondern in seiner Umwelt. Es ist nämlich viel einfacher, die Ursache für das schlechte Gefühl bei den "heuchlerischen Fridays for Future Kids", bei der "Ökodiktatur der Großstadt-Yuppies" oder halt bei den "verblendeten Veganern, die einem Lifestyle-Trend folgen" zu suchen, als sich sein eigenes Verhalten zu hinterfragen und seine Gewohnheiten zu ändern.

Die Wut auf Veganer

Dank gut aufbereiteter Dokumentationen und der Arbeit von Aktivistinnen und Investigativjournalismus kann fast niemand mehr behaupten nicht zu wissen, wie irrsinnig die heutige Massentierhaltung ist. Neben dem Tierleid wissen viele mittlerweile auch um den enormen Ressourcenverbrauch, die Umweltverschmutzung und die Klimaschädlichkeit, die mit der industriellen Haltung von sogenannten Nutztieren einhergeht. Und gleichzeitig konsumiert trotzdem ein Großteil der Bevölkerung weiterhin solche Produkte. Und genau dort entsteht wieder kognitive Dissonanz. Es gibt Anzeichen dafür, dass zumindest ein Teil der Menschen die weniger bequemen Strategien 1 und 2 nutzt, um mit dem Problem fertig zu werden. Die steigenden Zahlen von vegan und vegetarisch lebenden Menschen, sowie der Plan von Aldi kein Billigfleisch mehr zu verkaufen, sind gute Beispiele für den positiven gesellschaftlichen Wandel, der entstehen kann, wenn Menschen sich aktiv mit den negativen Konsequenzen ihres bisherigen Verhaltens auseinandersetzen. Und auch du befindest dich gerade auf diesem Blog. Ob du nun schon zu 100% vegan lebst oder nicht, du beschäftigst dich zumindest mit dem Thema - bravo!

Leider fallen aber auch viele Leute auf die einfacheren Strategien zurück und Suchen den Grund für Ihre Erregung bei anderen - in diesem Fall bei Veganern und allen anderen, die ihnen den Spiegel vorhalten. Und so kommt es, dass einige Fleischesser sich nur durch die beiläufige Erwähnung deiner veganen Ernährung ertappt fühlen und meinen, sich vor dir oder vor sich selbst für ihr Verhalten rechtfertigen zu müssen. Dann kommt es zu Phänomenen wie bei der Meldung über die Streichung von Fleischgerichten in einer von vielen VW-Kantinen, dass ein Altkanzler sich zum Retter der Currywurst erklärt, obwohl dieser "Kraftriegel der Facharbeiter" in allen anderen Mensen weiterhin zu kaufen ist.

Wie damit umgehen

Das ist wohl eine der schwierigsten Fragen bei diesem Thema, besonders wenn sich im Freundes- oder Familienkreis Menschen finden, die das Thema nicht ruhen lassen können. Du kennst nun die gängigen Strategien, die Menschen nutzen, um kognitive Dissonanz aufzulösen. Wenn dein Gesprächspartner einigermaßen ruhig und rational ist, kannst du darauf hinweisen, sobald auf eine der weniger sinnvollen Strategien wie Leugnen oder selektive Nutzung von Informationen zurückgegriffen wird. Im besten Fall kannst du solche Menschen Stück für Stück davon überzeugen, zumindest einmal zu probieren, ihr Verhalten für einen kurzen Zeitraum ihren eigentlichen Werten und Überzeugungen anzupassen. Viele Veganer haben mit einer vegetarischen Woche oder dem berühmten Veganuary angefangen und sind dann einfach vegan geblieben.

Oft genug wird die kognitive Dissonanz bei deinem Gegenüber aber so groß sein, dass ein Gespräch mit rationalen Argumenten und mit Verweisen auf die genutzen Ausweichstrategien nicht funktioniert. Du solltest wahrscheinlich nicht probieren, solche Menschen zu bekehren, da sie sich noch mehr in ihrer Position versteifen könnten. Lebe einfach vor, wie normal und abwechslungsreich ein veganes Leben sein kann und lasse das Thema ruhen. Doof wird es nur, wenn deine bloße Anwesenheit die andere Person so sehr triggert, dass sie immer wieder auf das Thema zu sprechen kommt und versucht ihr Verhalten zu rechtfertigen. Hier kannst du probieren, ihr das Konzept von kognitiver Dissonanz zu erklären und sie bitten, nicht mehr mit dir über das Thema zu sprechen, wenn sie immer wieder auf die billigen Ausweichstrategien zurückfällt. Wenn sich dann noch immer nichts ändert, wirst du diesem Menschen wohl oder übel so gut es geht aus dem Weg gehen müssen oder zumindest Situationen wie gemeinsame Mittagessen vermeiden, in denen du sie mit deiner veganen Lebensweise triggerst.

Mein Freund isst weiterhin Fleisch

Ein ähnliches Problem, das auch teilweise mit kognitiver Dissonanz zusammenhängt, ergibt sich wenn geliebte Freunde, Familienmitglieder oder Partner weiterhin Tierprodukte konsumieren, obwohl du das für grundlegend falsch hältst. Auf der einen Seite liebst du diese Menschen, auf der anderen Seite verurteilst du sie vielleicht für ihr Verhalten, das sie höchstwahrscheinlich besseren Wissens an den Tag legen. Es kann helfen, dich an die Zeit zu erinnern, als du noch nicht vegan gelebt hast. Du wirst andere Überzeugungen gehabt haben als heute oder wahrscheinlich ähnliche Verdrängungsstrategien für kognitive Dissonanz genutzt haben. Im besten Fall respektieren die geliebten Menschen deine Lebensweise, machen sich nicht über dich lustig und probieren vielleicht auch mal vegane Alternativen wenn du zu Besuch bist.

Anders sieht die Sache aus, wenn du mit diesen Menschen in einem Haushalt lebst oder sie trotz deiner Argumente absolut keinen Respekt für deine Lebensweise zeigen und dir vielleicht sogar heimlich Tierprodukte unterjubeln. Dann kann es sinnvoll sein, räumlichen Abstand zu den Personen zu schaffen, um das Konfliktpotenzial zu verringern. Konkret könnte das bedeuten, bei deinen Eltern bzw. aus deiner WG auszuziehen. Auf Facebook und in anderen Netzwerken gibt es viele Gruppen, in denen nach vegan lebenden Mitbewohnern gesucht wird. Am schwierigsten ist es, wenn es sich bei dieser Person um deine*n Lebenspartner*in handelt. Du kannst ausprobieren, ob für euch Kompromisse funktionieren, wie die Tierprodukte in einer extra Pfanne zuzubereiten und zum Beispiel erst beim Servieren auf dem jeweiligen Teller mit der veganen Soße zu mischen. Wenn ihr beide mit so einem Kompromiss leben könnt - super. Wenn es dich aber weiterhin unglücklich macht, dass dein liebster Mensch durch seinen Konsum das Tierleid fördert oder die Person sich nicht auf solche Kompromisse einlassen will, dann musst du dir wohl früher oder später überlegen, ob das wirklich der/die Partner*in für's Leben ist. Wichtig dabei ist, dass du offen deine Gedanken und Wünsche kommunizierst, damit die andere Person die Möglichkeit hat, den Ernst der Situation zu begreifen und ihr Verhalten eventuell noch anzupassen.